B2 12 Min. LesezeitSchwerpunkt: Konjunktiv II & Passiv

Zwischen Karriere und Freiheit – Geschichte auf Deutsch (B2)

Ein Jobangebot in Zürich, ein halbfertiges Buch und ein Zug, der in elf Minuten fährt. Lena muss sich entscheiden – und merkt, dass die eigentliche Frage eine ganz andere ist.

Illustration: Lena steht nachdenklich mit Tasche und Vertrag in der Hand auf einem regnerischen Bahnsteig.
Lesehilfe

Unterstrichene Wörter zeigen dir Grundform und Bedeutung – am Computer beim Darüberfahren, am Handy per Tipp.

Der liegt seit vier Tagen in Lenas Tasche, zwischen einem zerknitterten Stadtplan und einer halb aufgegessenen Tafel Schokolade. ist er nicht. Eigentlich müsste er nur noch abgeschickt werden, ein einziger Klick, mehr nicht, und trotzdem wiegt dieses eine Blatt Papier schwerer als alles, was sie sonst mit sich trägt.

Die in Zürich wäre der Schritt, auf den sie jahrelang hingearbeitet hat: mehr ein größeres Team, ein Titel, der sich auf jeder Visitenkarte gut liest. Ihre Kollegen sie bereits, ohne dass sie ihnen etwas erzählt hätte; solche Angebote sprechen sich in der schnell herum.

Gleichzeitig liegt zu Hause auf ihrem Schreibtisch ein an dem seit zwei Jahren geschrieben wird immer abends, immer zwischen zwei Terminen, immer mit dem schlechten Gewissen, dass es eigentlich mehr Zeit verdient hätte, als ihr übrig bleibt.

„Wenn ich unterschreibe, hätte ich denkt sie, während sie den entlanggeht. „Wenn ich es nicht täte, hätte ich vielleicht zum ersten Mal seit Jahren wirklich Zeit.“ Beide Sätze klingen in ihrem Kopf gleich überzeugend, und genau das macht die Sache so

Auf dem wird eine angesagt. Elf Minuten. Elf Minuten, in denen nichts entschieden werden muss, in denen sie einfach nur dastehen und den Regen beobachten könnte, der in schrägen Linien unter das weht.

Sie ruft ihre Schwester Mira an, die sofort, ohne fragt: „Wovor hast du eigentlich mehr vor dem Nein oder vor dem Ja?“ Es ist eine dieser Fragen, die Mira offenbar schon lange bereithält, nur auf die passende Gelegenheit wartend.

Lena Die Frage trifft genauer, als ihr lieb ist, weil sie eine Wahrheit berührt, die sie sich selbst noch nicht hat: dass sie sich vor beidem gleichermaßen fürchtet, nur aus unterschiedlichen Gründen.

„Rede nicht drumherum“, sagt Mira weiter, „du klingst schon seit Wochen so, als würdest du auf eine Erlaubnis warten, die dir niemand geben kann. Weder ich noch dein Chef noch dieser Verlag, der dein Buch vielleicht nie drucken wird.“

Diese letzte Bemerkung tut weh, weil sie stimmt: Niemand hat dem bisher zugesagt, es gibt keine Garantie, dass aus zwei Jahren Arbeit jemals ein gedrucktes Buch wird. Die in Zürich dagegen ist real, wartend.

Während sie noch überlegt, was sie soll, sieht sie am anderen Ende des Bahnsteigs einen Mann, der ihr bekannt vorkommt: Tobias, ein ehemaliger Kollege, der vor drei Jahren hat, um zu arbeiten, und über den seither seltsam widersprüchliche kursieren.

Die einen behaupten, er lebe inzwischen glücklich und unabhängig von einem kleinen Beratungsgeschäft; die anderen erzählen, er kämpfe finanziell und seinen Schritt zutiefst. Lena hat nie herausgefunden, was davon der Wahrheit näherkommt.

Er bemerkt sie, winkt kurz, kommt aber nicht herüber, sondern vertieft sich wieder in sein Telefon, als wolle er ihr die Entscheidung überlassen, ob dieses Wiedersehen zu einem Gespräch werden soll oder nicht.

„Lena?“, fragt Mira am Telefon, „bist du noch da?“ „Ja“, antwortet sie, „ich überlege gerade, was mir mehr wehtun würde: zu wissen, dass ich es nie versucht habe, oder zu wissen, dass ich es versucht und dabei alles andere aufgegeben habe.“

Es ist eine unfaire Formulierung, das weiß sie selbst, denn sie dass die beiden Wege sich tatsächlich gegenseitig Vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht gibt es einen dritten Weg, an den sie bisher nicht zu denken gewagt hat.

Sie denkt an die im die eine Vollzeitstelle voraussetzt, und daran, dass Verhandlungen manchmal möglich sind, auch wenn ihr Personalchef in den Gesprächen bisher keinerlei signalisiert hat.

Der Zug wird angekündigt, seine Lichter tauchen am Ende der Gleise auf, und Mira sagt leise: „Egal, wofür du dich entscheidest entscheide dich wenigstens selbst, und nicht aus vor dem, was die anderen sagen könnten.“

Lena legt auf, steckt das Telefon in die Manteltasche und spürt, wie der Fahrtwind des einfahrenden Zuges ihr Haar Tobias sieht kurz auf, lächelt ihr zu, ein Lächeln, das mehr zu wissen scheint, als er ausspricht, und wendet sich dann seinem eigenen Wagen zu.

Wofür entscheidet sich Lena?

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