Die zweite Rechnung – Geschichte auf Deutsch (B2)
Zwei Rechnungen, eine Zahl, ein Verdacht. Als Johanna in der Buchhaltung auf eine Unstimmigkeit stößt, gerät ihr Vertrauen in ihren Chef ins Wanken.

Unterstrichene Wörter zeigen dir Grundform und Bedeutung – am Computer beim Darüberfahren, am Handy per Tipp.
Johanna arbeitet seit sechs Jahren in der der kleinen Möbelfirma Ahrens & Söhne, und in all dieser Zeit hat sie sich einen Ruf erarbeitet, auf den sie zu Recht stolz ist: gründlich, zuverlässig, niemals nachlässig, wenn es um Zahlen geht.
An einem regnerischen Donnerstagabend, als die meisten Kollegen bereits gegangen sind, stößt sie beim zweier Ordner auf etwas, das sie zunächst für einen simplen Tippfehler hält: Ein und derselbe Auftrag eines Lieferanten taucht mit zwei unterschiedlichen Beträgen auf.
Die eine Rechnung, ordentlich weist einen Betrag aus, der dem entspricht, was tatsächlich wurde. Die zweite, in einem separaten Umschlag versteckt, nennt eine deutlich höhere Summe, versehen mit der Unterschrift ihres Chefs, Herrn Ahrens junior.
Johanna starrt lange auf die beiden Papiere, als könnten sie sich, wenn sie nur ausreichend Zeit dazu bekämen, von selbst in Übereinstimmung bringen. Doch die bleibt bestehen, gut zwölftausend Euro, verteilt über mehrere Monate.
Ihr erster Gedanke ist, dass sie sich irren müsse, dass eine harmlose Erklärung existieren könne, die sie bloß noch nicht kennt. Ihr zweiter Gedanke, kaum eine Sekunde später, ist die Erinnerung an eine Bemerkung, die ihr Kollege Markus vor Wochen fallenließ.
„Frag nicht so genau, woher das Geld für den neuen Firmenwagen kommt“, hatte Markus gesagt, halb im Scherz, und Johanna hatte damals gelacht, ohne der Sache weiter nachzugehen, weil solche Bemerkungen im Büro häufig fallen, ohne dass etwas dahintersteckt.
Jetzt, mit den beiden Rechnungen vor sich, erscheint ihr diese Bemerkung in einem völlig anderen Licht. Sollte Herr Ahrens systematisch überhöhte Rechnungen ausstellen lassen, um Gelder für private Zwecke abzuzweigen, während die Firma zugleich über sinkende Gewinne klagt und Kollegen deswegen um ihre fürchten?
Sie überlegt, wem sie sich könnte. Ihrem direkten Vorgesetzten, Frau Beck, die selbst wiederum Herrn Ahrens ist und die möglicherweise ein eigenes Interesse daran hat, dass solche Dinge nicht ans Licht kommen? Der die aus Herrn Ahrens senior besteht, seinem Vater, der ihm die Firma vor drei Jahren übergeben hat?
Oder sollte sie einfach schweigen, die zweite Rechnung wieder in den Umschlag zurücklegen und so tun, als hätte sie nie etwas gesehen? Immerhin, so redet sie sich ein, ist es nicht ihre Aufgabe, anzustellen, für die sie weder beauftragt noch bezahlt wird.
Doch dieser Gedanke lässt sie nicht los, sondern verstärkt sich mit jeder Minute, in der sie im leeren Büro sitzt: Wenn sie schweigt, macht sie sich dann nicht selbst sollte die Sache jemals herauskommen? Und was, wenn niemals jemand anderes es bemerkt außer ihr?
Sie denkt an ihre eigene Situation, an die die sie erst vor einem Jahr aufgenommen hat, an ihre Tochter, die im Herbst mit dem Studium beginnen will, und an die Tatsache, dass ein Arbeitsplatzverlust sie in dieser Region kaum kurzfristig ersetzen ließe.
Andererseits erinnert sie sich an ihren Vater, einen ehemaligen der ihr oft gesagt hatte, dass gegenüber einem Unternehmen nie über der gegenüber der eigenen stehen dürfe – ein Satz, den sie als Kind für gehalten hatte und der ihr jetzt plötzlich sehr konkret erscheint.
Sie fotografiert beide Rechnungen mit ihrem privaten Handy, ohne genau zu wissen, wofür sie die Bilder später verwenden wird, und legt die Originale exakt so zurück, wie sie sie vorgefunden hat, als könnte allein diese ihr noch Zeit zum Nachdenken verschaffen.
Am nächsten Morgen begegnet sie Herrn Ahrens im Flur, der sie fragt, ob mit den alles in Ordnung sei, und einen Moment lang glaubt sie, in seinem Blick etwas Prüfendes zu erkennen, das vorher nie da gewesen war – oder bildet sie sich das nur ein, weil sie selbst inzwischen anders auf ihn schaut?
Wie entscheidet sich Johanna?
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