Die unerwartete Begegnung – Geschichte auf Deutsch (B2)
Auf einem verspäteten Nachtzug trifft Jonas eine Frau wieder, die er seit zehn Jahren für tot gehalten hat. Ein Gespräch, das alles infrage stellt, was er über seine eigene Vergangenheit zu wissen glaubte.

Unterstrichene Wörter zeigen dir Grundform und Bedeutung – am Computer beim Darüberfahren, am Handy per Tipp.
Der Nachtzug nach Hamburg hat bereits vierzig Minuten als Jonas endlich sein reserviertes findet, in dem, entgegen seiner Erwartung, bereits jemand sitzt. Die Frau, die am Fenster lehnt, blickt kaum auf, als er die Tür aufschiebt und sein Gepäck ins Netz hebt.
Erst als sie den Kopf wendet, um aus dem Fenster in die vorbeiziehende Dunkelheit zu schauen, erkennt er ihr Profil, und ein kalter Schreck durchfährt ihn, der ihm den Atem für einen Moment nimmt: Es ist Sabine, die Frau, deren er vor zehn Jahren besucht hat.
„Sabine?“, fragt er, und seine Stimme klingt fremder, als er es sich wünscht, so als gehöre sie einem anderen Menschen. Die Frau, die tatsächlich Sabine heißt, dreht sich zu ihm um, mit einem Ausdruck, der eher als Erschrecken zeigt.
„Jonas“, sagt sie langsam, „das ist wirklich lange her.“ Kein Wort davon, dass sie tot sein sollte, kein Hinweis auf das, was er in den vergangenen zehn Jahren für die Wahrheit gehalten hat, nämlich dass ein Autounfall ihr Leben beendet habe.
Er setzt sich ihr gegenüber, ohne dass sie ihn dazu aufgefordert hätte, und versucht, seine Gedanken zu ordnen, die sich wie ein Haufen loser Blätter im Wind verstreuen. Die Frau, die ihm gegenübersitzt, trägt dieselben grünen Augen wie damals, dieselbe Art, den Kopf leicht schräg zu halten, wenn sie zuhört.
„Man hat mir erzählt, du seist bei einem Unfall auf der Autobahn ums Leben gekommen“, sagt er schließlich, und er hört selbst, wie absurd der Satz in diesem klingt, in dem die angeblich Verstorbene ihm gegenübersitzt und Tee aus einer trinkt.
Sabine schweigt lange, bevor sie antwortet, als würde sie wie viel von der Geschichte, die sich hinter dieser Behauptung verbirgt, sie einem Mann erzählen sollte, den sie seit einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hat.
„Es gab tatsächlich einen Unfall“, beginnt sie schließlich, „aber ich war nicht die Person, die darin gestorben ist. Meine Schwester Katrin, die mir zum ähnlich sah, saß in meinem Auto, das sie sich an jenem Wochenende geliehen hatte.“
Jonas starrt sie an, die Information sofort einzuordnen, während der Zug durch einen Tunnel rast und für einige Sekunden alle Fenster schwarz werden, als wolle die Welt selbst eine Verschnaufpause einlegen, bevor die Geschichte weitergeht.
„Die Polizei hat euch also mitgeteilt, ich sei die Tote gewesen, weil die Papiere im Auto auf meinen Namen liefen“, fährt Sabine fort, „und ich habe diesen aus Gründen, die kompliziert sind, nie
Er will wissen, warum jemand einen solchen jahrelang bestehen lässt, warum sie nicht wenigstens ihre eigene Familie, ihre Freunde, ihn selbst, aus diesem falschen Glauben befreit hat, der doch so viel Trauer verursacht haben muss.
Sabine erklärt ihm leise, dass sie in jenem Sommer aus einer Ehe geflohen sei, die sie zunehmend habe, und dass der ihr die Gelegenheit gegeben habe, ein Leben zu beginnen, in dem niemand sie kannte und niemand nach Erklärungen fragte, die sie damals nicht hätte geben können.
„Ich weiß, dass das klingt“, sagt sie, während der Zug endlich aus dem Tunnel herausfährt und wieder Lichter vorbeihuschen, „aber ich habe geglaubt, dass ein mehr wert ist als die Wahrheit gegenüber Menschen, die mich ohnehin gehen lassen wollten.“
Jonas, dem sein früherer Ehemann, mit dem Sabine damals verheiratet war, nie besonders sympathisch gewesen ist, versteht in diesem Moment mehr, als ihm lieb ist, denn auch er hat sich damals eher erleichtert als gefühlt, als die Nachricht von ihrem Tod ihn erreichte.
„Und deine Schwester?“, fragt er nach einer Weile, „was ist mit ihrer Familie, mit den Menschen, die sie unter deinem Namen betrauert haben?“ Diese Frage lässt Sabine als hätte er einen Nerv getroffen, den sie sorgfältig verborgen gehalten hatte.
„Katrin hatte niemanden, der ihr besonders keine Kinder, keinen Partner“, antwortet sie leise, „unsere Eltern waren beide schon verstorben, und ich war die Einzige, die wusste, wer wirklich in diesem Wagen gesessen hatte.“
Der klopft an die Tür, kontrolliert die Fahrkarten, wechselt ein paar Worte über die und für diese kurze Unterbrechung sind beide dankbar, weil sie ihnen Zeit gibt, das Gehörte zu verdauen, bevor das Gespräch weitergeht.
Als die Tür wieder geschlossen ist, fragt Jonas, was Sabine in den letzten zehn Jahren gemacht habe, unter welchem Namen sie gelebt habe und ob sie jemals daran gedacht habe, zurückzukehren, um wenigstens einigen Menschen die Wahrheit zu sagen.
Sabine erzählt von einer kleinen Stadt in Portugal, von einer Sprachschule, die sie dort geleitet hat, von einem Leben, das ruhiger und einfacher war als alles, was sie in Deutschland gekannt hatte, aber auch von einer Einsamkeit, die sie manchmal nachts überfallen habe wie eine plötzliche Krankheit.
„Warum fährst du jetzt zurück?“, will Jonas wissen, und Sabine antwortet, dass ihr Vermieter in Porto vor einem Monat gestorben sei und dass sie plötzlich, angesichts dieses fremden Todes, das dringende Bedürfnis verspürt habe, wenigstens einmal die Gräber ihrer eigenen Familie zu besuchen.
Der Zug hält an einem kleinen Bahnhof, dessen Namen Jonas nicht kennt, und für einen Moment steht die Frage im Raum, ob Sabine hier vielleicht doch noch aussteigen und wieder in ihrer verschwinden wird, bevor er auch nur begonnen hat, alles zu verstehen.
Doch sie bleibt sitzen, schaut ihn stattdessen an, mit einem Blick, der zum ersten Mal in diesem Gespräch etwas wie zeigt, und fragt leise: „Wirst du jemand anderem erzählen, was du gerade erfahren hast, oder soll dieses Geheimnis zwischen uns bleiben?“
Wie entscheidet sich Jonas?
Übungen zur Geschichte
8 Verständnisfragen und 14 Aufgaben zu Relativsätze & indirekte Rede. Deine Punkte zählen wie im Übungsbereich.
Passende Erklärung
Regel nachlesen: Konjunktiv II: würde, hätte und wäre richtig verwendenHöflich bitten, träumen und über Irreales sprechen: Der Konjunktiv 2 Deutsch macht es möglich. Lerne würde, hätte und wäre mit klaren Regeln und Übungen.Nächste Geschichte
Der Algorithmus entscheidet · B2Als eine Software über Beförderungen entscheiden soll, gerät Nadja in Konflikt mit ihrer eigenen Firma – und mit der Frage, wie viel Verantwortung eine Maschine tragen darf.Du möchtest noch sicherer Deutsch sprechen?
Hol dir mein kostenloses Video mit den 10 wichtigsten Tipps für besseres Deutsch — in 8 Minuten.
